In einem vielbeachteten Interview zeichnet der Ökonom Dr. Markus Krall den Weg vom Ende der…
Zwei Wege zum digitalen Geld – der Euro wird öffentlich, der Dollar privat
Europa baut ein staatliches digitales Zahlungsmittel – die USA haben ein solches ausdrücklich verboten und setzen stattdessen auf private Dollar-Münzen. Zwei Kontinente, dieselbe Technik, entgegengesetzte Antworten. Warum das kein Zufall ist.
Am 23. Juni 2026 hat der Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments den Rechtsrahmen für den digitalen Euro gebilligt und damit die entscheidenden Schlussverhandlungen – den sogenannten Trilog zwischen Parlament, Rat und Kommission – eröffnet. Bis Jahresende 2026 soll eine Einigung stehen, ein Pilotbetrieb ab 2027 folgen, die Einführung frühestens 2029. In den Vereinigten Staaten läuft die Uhr in die Gegenrichtung: Dort ist ein digitales Zentralbankgeld seit Anfang 2025 verboten. Ein Blick auf die Beweggründe lohnt sich, denn er erklärt mehr über Geld und Macht als jede technische Beschreibung.
Was mit „digitalem Geld“ überhaupt gemeint ist
Vorab eine Unterscheidung, ohne die man aneinander vorbeiredet. Ein digitales Zentralbankgeld – im Fachjargon Central Bank Digital Currency (CBDC), also von der Zentralbank ausgegebenes digitales Geld – ist öffentliches Geld: eine Forderung unmittelbar gegen die Notenbank, so wie ein Geldschein. Ein Stablecoin dagegen ist privates Geld: eine digitale Werteinheit, die ein Unternehmen herausgibt und die an eine amtliche Währung gekoppelt sein soll – etwa „ein Coin = ein Dollar“, gedeckt durch Reserven des Herausgebers. Der digitale Euro wäre das eine, die amerikanischen Dollar-Coins sind das andere. Genau an dieser Linie – öffentlich oder privat – scheiden sich die Wege.
Warum die EU den digitalen Euro will
Der erste Beweggrund ist eine unbequeme Abhängigkeit. Rund 64 Prozent der Kartenzahlungen im Euroraum laufen über außereuropäische Systeme wie Visa oder Mastercard; hinzu kommt die Vormacht von Diensten wie PayPal, Apple Pay und Google Pay. Europa bezahlt also weitgehend auf fremden Schienen. Piero Cipollone, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), brachte es vor dem Europäischen Parlament auf die Formel: „Wir brauchen ein eigenes starkes System für digitale Zahlungen.“ Wer die Infrastruktur nicht kontrolliert, ist erpressbar – ein Kartenausfall, eine politische Blockade, eine Gebührenerhöhung von außen träfen den Kontinent an einer empfindlichen Stelle.
Der zweite Grund ist das Bargeld – genauer: sein Rückzug. Bargeld ist heute die einzige Form, in der Bürgerinnen und Bürger öffentliches Zentralbankgeld in der Hand halten; alles andere, was auf dem Konto liegt, ist privates Geschäftsbankengeld. Je seltener bar gezahlt wird und je mehr Geschäfte Scheine gar nicht mehr annehmen, desto mehr verschwindet dieser öffentliche Anker aus dem Alltag. Der digitale Euro soll ihn bewahren: eine „digitale Form von Bargeld, von einer Zentralbank ausgegeben“, die auch offline funktioniert und niemanden ausschließt, der mit Technik fremdelt.
Der dritte Grund ist die Verteidigung der eigenen Währung. Dollar-gedeckte Stablecoins und digitale Zentralbankwährungen anderer Staaten drängen in den Zahlungsverkehr. Setzen sie sich im Euro-Raum durch, verliert der Euro weiter an Boden – im eigenen Haus. Der digitale Euro soll auch ein währungspolitisches Bollwerk werden: ein Instrument der strategischen Autonomie, das der EU „mehr finanzielle Souveränität und Widerstandsfähigkeit“ geben soll. Die Botschaft betont Selbstbewusstsein – die EU handelt, weil es sich in der Defensive gegenüber dem Dollar-Raum sieht.
Warum die USA sich dagegen entschieden haben
Die amerikanische Antwort ist das genaue Gegenteil, und auch sie hat handfeste Gründe. Der erste ist die Angst vor dem Überwachungsstaat. Ein staatliches digitales Geld, so die verbreitete Sorge, gäbe der Regierung Einblick in jede einzelne Zahlung und im Extremfall die Macht, Konten per Knopfdruck zu sperren oder Ausgaben zu steuern. Diese Furcht vor „staatlicher Kontrolle über die täglichen Transaktionen“ wurde in den USA zum politischen Kampfbegriff. Präsidialerlass Nr. 14178 vom 23. Januar 2025 verbietet folgerichtig Einführung und Förderung einer digitalen Zentralbankwährung; ein Gesetzentwurf mit dem sprechenden Namen „Anti-CBDC Surveillance State Act“ zielt in dieselbe Richtung.
Der zweite Grund ist eine grundsätzliche Vorliebe für den privaten Markt. Wo Europa dem Staat eine neue Aufgabe zuweist, vertrauen die USA der Innovationskraft der Unternehmen. Statt selbst digitales Geld zu schaffen, hat der Gesetzgeber den privaten Dollar-Coins einen Rahmen gegeben: Der GENIUS Act – das erste bundesweite Stablecoin-Gesetz – wurde am 18. Juli 2025 unterzeichnet. Er schreibt den Herausgebern vor, jeden Coin vollständig mit sicheren Werten zu hinterlegen, vor allem mit Dollar-Guthaben und kurzlaufenden US-Staatsanleihen.
Und darin liegt der dritte, entscheidende Grund: Der Dollar ist bereits die Weltwährung. Er braucht kein staatliches digitales Gegenstück, um seine Vormacht zu sichern – im Gegenteil. Weil jeder regulierte Dollar-Stablecoin mit US-Staatsanleihen gedeckt sein muss, lenken die Herausgeber „Kapital zurück in die amerikanischen Staatsschuldenmärkte“ und schaffen so ganz nebenbei neue Nachfrage nach US-Schuldtiteln. Die privaten Coins tragen den Dollar in die digitale Welt und in Länder mit schwacher eigener Währung – als Verlängerung der Dollar-Hegemonie mit anderen Mitteln. Was die EU mit einem öffentlichen Instrument anstrebt, erledigt für die USA der private Markt.
Der eigentliche Unterschied
Man kann die beiden Wege auf eine einfache Formel bringen. Die EU baut auf digitales öffentliches Geld, weil seine Währung nicht dominiert und seine Zahlungswege fremden Firmen gehören – der digitale Euro ist ein Versuch der Selbstbehauptung. Die USA verzichten auf ein öffentliches Geld, weil ihre Währung ohnehin dominiert und private Coins diese Dominanz sogar noch festigen – bei gleichzeitig tief sitzendem Misstrauen gegen staatliche Kontrolle. Beide handeln rational, jeder aus seiner Lage heraus. Die Frage „öffentlich oder privat?“ ist deshalb keine technische, sondern eine Machtfrage.
Was das für Sie bedeutet
Für Verbraucher im Euro-Raum ist zunächst wichtig, was der digitale Euro nicht ist: Er soll das Bargeld nicht abschaffen, sondern ergänzen – Scheine und Münzen bleiben. Im Trilog wird derzeit um die heiklen Details gerungen: um ein Haltelimit (eine Obergrenze für private Bestände, im Gespräch sind Beträge zwischen einigen Hundert und einigen Tausend Euro), damit den Banken nicht die Einlagen abfließen; um die Kosten und die Entschädigung des Bankensektors; und um den Datenschutz, insbesondere eine bargeldähnliche Anonymität bei kleinen Beträgen. Bis all das entschieden ist, vergehen Jahre – vor 2029 wird kein Bürger mit digitalem Euro bezahlen. Wer digitale Dollar-Coins nutzt, sollte umgekehrt wissen, dass er dort privates Geld eines Unternehmens hält, dessen Sicherheit an dessen Reserven hängt – nicht an einer Notenbank.
Einordnung
Der digitale Euro und der bewusste amerikanische Verzicht sind zwei unterschiedliche Antworten auf eine Frage: Wem soll das Geld der Zukunft gehören – dem Staat oder dem Markt? Die EU gibt darauf eine andere Antwort als die USA, und beide Antworten sind aus ihrer jeweiligen Geschichte heraus verständlich. Für Anleger und Verbraucher lohnt es sich, die weitere Gesetzgebung im Blick zu behalten. Denn ob das Geld, mit dem wir morgen zahlen, öffentlich oder privat ist, entscheidet nicht nur über Bequemlichkeit – es entscheidet über Vertrauen, Kontrolle und Souveränität.
