Europa baut ein staatliches digitales Zahlungsmittel – die USA haben ein solches ausdrücklich verboten und…
US-Staatsdefizit: Vierzig Billionen – ein Krisenszenario von Dr. Markus Krall
In einem vielbeachteten Interview zeichnet der Ökonom Dr. Markus Krall den Weg vom Ende der Dollar-Vormacht bis zu einem neuen Geldsystem. Wir geben sein Risikoszenario beschreibend wieder – und prüfen die genannten Zahlen an den Originalquellen, ohne die Prognosen selbst zu bewerten.
Auf dem Kanal „Thorsten Wittmann – Finanzielle Freiheit“ ist Ende August 2026 ein rund halbstündiges Gespräch mit dem Ökonomen und Publizisten Dr. Markus Krall erschienen (Titel: „Wie sieht das neue Finanzsystem aus?“). Weil die dort aufgeworfenen Fragen – Leitwährung, Staatsverschuldung, digitales Zentralbankgeld – unmittelbar an unsere jüngsten Beiträge zum digitalen Euro anschließen, geben wir die wesentlichen Aussagen hier wieder. Wichtig vorab: Es handelt sich um Kralls Thesen und Prognosen, nicht um gesicherte Fakten. Dieser Beitrag referiert sie und ordnet die genannten Zahlen ein, ohne selbst Position zu beziehen.
Warum der US-Dollar Weltleitwährung bleiben muss
Kralls Argumentation folgt einer Kette. Am Anfang steht die US-Staatsverschuldung, die aus seiner Sicht nur deshalb tragbar war, weil der Dollar Weltleitwährung ist: Die USA konnten ihren Inflationsschaden über frisch gedruckte Dollar gewissermaßen ins Ausland „exportieren“. Verliere der Dollar diese Funktion – so seine Kernthese –, bleibe der Schaden im eigenen Land. Es folge eine Anpassungskrise, die sich über Inflation oder über Pleiten und Abschreibungen entlade. Gerieten die Kreditmärkte erst ins Rutschen, „infizierten“ sich ihre Segmente gegenseitig; die Finanzkrise 2007 erscheine dagegen rückblickend harmlos.
US-Schuldenquote wie Italien?
Krall nennt mehrere konkrete Größen. Sie lassen sich weitgehend belegen:
Die US-Staatsverschuldung hat im August 2026 tatsächlich die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten – erstmals in der Geschichte (US-Finanzministerium, „Debt to the Penny“; zum Meilenstein Al Jazeera v. 20.08.2026). Auch Kralls Tempo-Vergleich stimmt: Für die erste Billion Schulden brauchten die USA rund 200 Jahre (erreicht 1981); die jüngste Billion kam in wenigen Monaten hinzu.
Besonders anschaulich ist Kralls Vergleich mit Italien. Setzt man die gesamte US-Staatsverschuldung (rund 40 Billionen US-Dollar) ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA von rund 30 Billionen US-Dollar (2025; US-Wirtschaftsanalysebehörde BEA), ergibt sich eine Schuldenquote – das Verhältnis von Staatsschuld zu Wirtschaftsleistung – von rund 130 Prozent (Federal Reserve/FRED, Bruttostaatsschuld je BIP). Damit liegt sie nur wenig unter der Italiens, das Ende 2025 bei rund 138 Prozent stand (ISTAT, italienisches Statistikamt). Kralls Gleichsetzung der Größenordnung ist damit statistisch nachvollziehbar. Der Unterschied, den Krall betont: Italien habe von den durch die Stabilität des Euro-Raums niedrig gehaltenen Zinsen profitiert, während die USA keinen solchen „großen Bruder“ hätten, der die Zinsen dämpfe.
Kralls Angaben zu den Ölreserven treffen die Größenordnung: Venezuela, Saudi-Arabien und der Iran halten zusammen mehr als die Hälfte der weltweit nachgewiesenen Rohölreserven (Venezuela und Saudi-Arabien je rund 15–17 Prozent, der Iran gut 12 Prozent; Quelle: OPEC Annual Statistical Bulletin). Historisch belegt ist schließlich der von Krall genannte Bezugspunkt 1971: Am 15. August 1971 beendete US-Präsident Nixon die Gold-Einlösepflicht des Dollar (Federal Reserve History) – seither ist der Dollar reines, nicht mehr goldgedecktes Papiergeld. Der von Markus Krall angeführte Kaufkraftverlust „zwischen 70 und 95 Prozent“ seit den 1970er-Jahren ist realistisch.
Einordnend zu prüfen ist Kralls Zuschreibung eines Trump-Zitats: Die Formulierung, ein Verlust der Leitwährungsfunktion wäre, „als wenn wir einen großen Krieg verlieren“, ist für das Jahr 2024 dokumentiert (Forbes v. 21.06.2024); vor dem Economic Club of New York drohte Trump im September 2024 zudem mit Strafzöllen gegen eine Abkehr vom Dollar.
Dollar, Öl und digitaler Euro
Für den Petrodollar – die Praxis, Öl weltweit in Dollar abzurechnen – sieht Krall den entscheidenden Hebel: Solange ölexportierende Länder nur Dollar akzeptierten, müsse etwa China jährlich Hunderte Milliarden Dollar verdienen, um Öl kaufen zu können, was die Nachfrage nach der US-Währung sichere. Schere ein großes Förderland aus, könne die Abrechnung auf andere Währungen oder Gold ausweichen – Krall verweist hier auf die Bestrebungen der BRICS-Staatengruppe (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und weitere) um eine goldgedeckte Alternative.
Das heutige Papiergeldsystem hänge, so Krall, an einem einzigen Punkt – dem Dollar; der Euro sei kein echter Gegenpol, sondern nur tragfähig, solange der Dollar bestehe. Den Versuch der Notenbanken, mit digitalen Zentralbankwährungen (englisch Central Bank Digital Currencies, Abk. CBDC) gegenzusteuern, hält er für zum Scheitern verurteilt – am Widerstand der Bürger und daran, dass das Ausland ein solches Geld nicht anzunehmen brauche. Am Ende werde sich, seiner Prognose nach, ein Wettbewerb verschiedener Geldformen einstellen, in dem es nicht um „Gold oder Krypto“ gehe, sondern um zwei Eigenschaften: Wertstabilität und die Möglichkeit, zwischen den Formen – Bargeld, Gold, Kryptowerte, Kontoguthaben – möglichst kostenlos zu wechseln.
Kralls Schlussfolgerung für Anleger
Aus der beschriebenen Unsicherheit zieht Krall eine betont zurückhaltende Konsequenz: Diversifikation als „Rückversicherung gegen den eigenen Irrtum“. Konkret nennt er eine grobe Drittelung – je ein Drittel Edelmetalle (für Krypto-Anhänger einschließlich Kryptowerten), Aktien und Immobilien, jeweils global gestreut. Der Gedanke dahinter: Unabhängig davon, welches Szenario eintrete, solle „am Ende etwas übrig bleiben“.
Hinweis zur Quelle: Das vollständige Gespräch findet sich hier: „Dr. Krall: Wie sieht das neue Finanzsystem aus?“ (Thorsten Wittmann Offiziell, YouTube). Die dort geäußerten Einschätzungen geben die Auffassung des Interviewten wieder.
Einordnung
Warum ein solcher Beitrag in ein Bankrechts-Dossier gehört? Weil die Fragen, die Krall aufwirft, längst im Recht angekommen sind: Der digitale Euro durchläuft gerade das europäische Gesetzgebungsverfahren, Stablecoins und Kryptowerte werden reguliert, und die Rolle des öffentlichen Geldes wird neu verhandelt. Kralls Szenario ist eine weitreichende Prognose, die in Fachwelt und Publizistik kontrovers diskutiert wird – dieser Beitrag gibt sie wieder und belegt die Zahlengrundlage, überlässt die Bewertung aber der Leserin und dem Leser. Wer sein Vermögen langfristig strukturiert, sollte rechtliche Entwicklungen rund um digitales Geld, Einlagensicherung und Kapitalanlagen aufmerksam verfolgen. Bei Fragen rund um Kapitalanlagen und Bankgeschäfte, wenden Sie sich an einen Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht – ich berate Sie gerne!
